Süßer die Glocken nie klingen?! Das wäre zu schön, um wahr zu sein, denkt sich
Jazzmusiker und Maschinenbauingenieur Emil Weiss. Nicht nur zur Weihnachtszeit,
auch während des liturgischen Läutens das ganze Jahr über würde der
im slowakischen Bratislava geborene Weiss, der seit 1995 in Heusenstamm
wohnt, sein Büro in NeuIsenburg hat, am liebsten die Ohren zuhalten,
wenn das "aggressive Geläute" der katholischen Kirche Maria
Himmelskron schräg gegenüber seiner Wohnung wieder einsetzt. Früher,
sagt er, habe der Messdiener noch die Glocken geschlagen. Der"sanfte
Kuss", wie der Schlag des Klöppels auf die Glocke genannt wird,
ein Schlag gegossenen Eisens auf Bronze, wird heute längst durch eine
elektronische Steuereinheit übernommen. Damit wird der Glocke, mit rund
4000 Jahren vermutlich eines der ältesten Musikinstrumente überhaupt
mit Ursprungsland China, je doch die Möglichkeit genommen, sich richtig
einzuschwingen.
In einem Beitrag für das TVMagazin "city" des Hessischen
Rundfunks demonstriert der leidenschaftliche Tüftler Weiss dem Zuschauer
dieses Phänomen anhand eines simplen Beispiels: eine umgedrehte Metallschüssel
dient dabei als Glocke. Das Daraufschlagen in kurzen Abständen lässt
nicht genug Schwingung zu und klingt deshalb stumpf.
Nicht nur die hunderte von Kilogramm schweren Glocken schwingen,
wenngleich es bei diesen am deutlichsten sichtbar wird. Jedes Musikinstrument
ob Metall oder Holz, gerät in Vibration, sobald es gespielt wird. Ein
Musiker der sich ein neues Instrument zulegt, ist mitunter Jahre damit
beschäftigt, es mühsam einzuspielen, es "gefügig“ zu machen. Von
dem amerikanischen Gitarristen Lee Kottke erzählt man sich, er stelle
seine zwölfsaitige Gitarre vor die Lautsprecherboxen, um sie auf diese
Weise zusätzlich in Schwingung zu versetzen.
Seine Leidenschaft zur Musik, in diesem Fall dem Jazz, brachte
auch den gelernten Maschinenbauer Weiss auf die Idee, den Klang von
Musikinstrumenten zu optimieren, nachdem mit seiner Akustikgitarre kein
"Durchkommen" gegen die anderen Musiker seiner Band mehr zu erreichen
war. In Dortmund, wohin es ihn nach seiner Bochumer Studienzeit gezogen
hatte, gründete er 1985 sein "institut
für angewandte akustik"
(ifa), das sich die Untersuchung komplexer Schwingungssysteme auf die
Fahne geschrieben hatte.
Hier konnte mittels ausgedehnter Forschung sein Verfahren weiterentwickelt
werden, das auf rein akustischem Weg Musikinstrumente klangoptimiert.
Das mühsame, langwierige Einspielen wird dabei durch ein drei bis viertägiges
Versetzendes Instruments in "Dauerschwingung" verkürzt. Diese
greift grundlegend in das jeweilige Gittergefüge ein und entfernt damit
dauerhaft störende Materialspannungen.
Dabei geht Weiss behutsam über bislang als höchstmöglich erachtete
Frequenzen hinaus ein anspruchsvolles Verfahren, das bei Nachahmern
nicht selten zum Bersten der Instrumente geführt hat. Nicht so bei Weiss.
Natürlich kann auch er "aus einer Sperrholzgeige keine Stradivari
machen", doch versteht er sich schließlich auch nicht als Ersatz
für den Instrumentenbauer, sondern vielmehr als dessen sinnvolle Ergänzung.
"Schauen Sie", sagt er, und nimmt sich eine kleine
Holzlokomotive vor, die er eine schiefe Ebene hochfahren lässt. "Wenn
die eine Pause macht, rollt sie rückwärts wieder runter. Ist sie jedoch
einmal oben angekommen, dann bleibt sie da."
Den gleichen Effekt
will Weiss durch seine Klangoptimierung erzielen. Einmal optimiert,
könnten weder Witterung noch längere Spielpausen die neugewonnene Leichtigkeit
und Harmonie der Instrumente wieder zerstören.
Zahlreiche
Dankesschreiben
bekannter und weniger bekannter Musiker dienen Weiss als Referenz, über
alle von ihm klangoptimierten Instrumente führt er haargenau Buch.
Darunter zählt seit einiger Zeit neben klassischen Geigen, Gitarren,
Saxophonen, Querflöten und ähnlichen auch das weltweit einzige klangoptimierte
Didgeridoo und eben, angeregt durch die "nachbarschaftliche
Zumutung der Kirchenglocken“, die weltweit erste Glocke, deren Klangeigenschaften
er nachweisbar positiv beeinflußt konnte.
Das Gutachten
der seit 1590 im Familienbesitz befindlichen Glocken und Kunstgießerei
Rincker in Sinn bei Wetzlar bescheinigt ihm denn auch ein "hervorragendes
Ergebnis". Die 310 Kilogramm schwere Glocke bereits 1986 für die
Paul-Gerhardt Kirche in Offenbach am Main gegossen worden. Auf Grund
„zwei direkt nebeneinander liegender Untertöne stark schwebend und wimmernd"
fristete der erste Guss jedoch seitdem sein Dasein "als völliger
Ausschuss zu Versuchszwecken" in dem "Monteur‑Versuchsstand"
der Firma. Die Offenbacher erhielten eine andere Glocke.
Schließlich wagte sich Emil Weiss, ohne vorher
über die "Eigenheiten" der Glocke in Kenntnis gesetzt worden
zu sein, an genau dieses Exemplar heran das "Projekt Quasimodo"
war geboren. Die Kosten dafür übernahmen zu gleichen Teilen die Glockengießerei
und der Ingenieur. Damit sollte ein Exempel für das von einigen Fachleuten
weiterhin angezweifelte Klangoptimierungsverfahren statuiert werden,
das keineswegs Zauberei, sondern schlicht und ergreifend solides, effektives
Handwerk sei.
Wer kennt ihn nicht, den buckligen Glöckner von Notre Dame namens
Quasimodo? So wie dieser Buckel wohl zu keiner Zeit dem optischen Schönheitsideal
entsprach, empfinden Emil Weiss und viele seiner Nachbarn die Aggressivität
des Glockengeläuts als akustischen Schönheitsmakel.
"Das hämmernde Warngeläut braucht heute
keiner mehr", so Weiss, "wo Glocken nicht nur zur Weihnachtszeit
harmonisch und friedvoll klingen könnten."
von NINA LAUTERBORN